
20. August 2026
Warum sind manche Busse total überfüllt, andere aber menschenleer? Warum kommt an manchen Haltestellen alle fünf Minuten ein Bus, an anderen Haltestellen aber gefühlt eine Ewigkeit keiner? Und kann man das alles nicht besser machen? Der Zweckverband Mobilität Ruhr-Lippe (ZRL) ist sich sicher, dass das geht: Er hat gemeinsam mit dem Nahverkehrsverbund Paderborn/Höxter (heute: Nahverkehrsgesellschaft Hochstift) über 400 Busse in Westfalen mit automatischen Fahrgastzählsystemen ausgerüstet und nutzt die Fahrgastzahlen für eine bedarfsorientierte Angebotsplanung: weg von Annahmen, hin zu belastbaren Erkenntnissen darüber, wie Menschen tatsächlich unterwegs sind. Die Daten fließen bereits jetzt in Nahverkehrspläne und Vergabeunterlagen ein und sollen künftig mit Mobilfunkdaten kombiniert werden. Was das System kann, wie es die Planung verändert und warum es als Modell auch für andere Regionen interessant ist, erfahren Sie hier.
Eine Buslinie, die morgens überfüllt ist, fährt abends halb leer, aber niemand hat dafür belastbare Zahlen. Lange war das im ÖPNV Normalzustand: Planungsentscheidungen fielen auf Basis von Stichtagszählungen, Erfahrungswerten und Annahmen. Der ZRL hat das geändert. Mit einem westfalenweiten Hintergrundsystem, an das mehr als 60 Verkehrsunternehmen und Aufgabenträger angeschlossen sind, wertet der Verband die Fahrgastdaten zentral aus. Das Ergebnis: eine Datengrundlage, die zeigt, wo tatsächlich Bedarf besteht.
Kleine Videosensoren über den Bustüren schalten sich ein, sobald sich die Türen öffnen und wandeln die Aufnahmen direkt im Gerät in anonyme Zählwerte um; Bilder werden nicht gespeichert. Per GPS-Antenne und SIM-Karte funken die Sensoren Zählergebnisse und Standortdaten laufend an das zentrale Hintergrundsystem (HGS), das der ZRL als Federführer für alle Mitgliedszweckverbände des Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) betreibt. Neben dem ZRL setzen auch die Stadtwerke Krefeld und die DB Regio NRW ähnliche Systeme in ihren Fahrzeugen ein, um Echtzeitinformationen zur Fahrzeugauslastung zu generieren.
Ein Geomatching-Algorithmus ordnet die Fahrgastzahlen automatisch dem jeweiligen Fahrplan zu. Alle Mandanten erhalten einen Zugang zum System, über den sie Auslastungen für eigene Fragestellungen recherchieren können. Wichtig dabei: Die Datenhoheit bleibt beim jeweiligen Verkehrsunternehmen, andere Mandanten haben keinen Zugriff auf fremde Daten. Die Datensichtbarkeit wird über definierte Zugriffsgruppen im System gesteuert. Das System ist bewusst herstellerunabhängig aufgesetzt und verarbeitet über offene Schnittstellen auch Daten von Sensoren zur automatischen Fahrgastzählung, die Verkehrsunternehmen zuvor eigenständig verbaut hatten.
Die Daten der automatischen Fahrgastzählsysteme geben uns erstmals die Möglichkeit, das ÖPNV-Angebot in Westfalen objektiv zu bewerten. Nicht auf Basis einzelner Stichtage, sondern auf der Grundlage jeder einzelnen Fahrt.
Geschäftsführer Zweckverband Mobilität Ruhr-Lippe (ZRL)
Bei der Nahverkehrsgesellschaft Hochstift (NVH) konnten die Verantwortlichen anhand der Auslastungsdaten Fahrten in Schwachlastzeiten einkürzen oder durch Bedarfsverkehre ersetzen. In Ruhr-Lippe flossen die Daten in die Überarbeitung der Nahverkehrspläne ein und damit auch in die Rahmenvergaben für das ÖPNV-Angebot. Auch bei der Allerheiligenkirmes in Soest, Fußballspielen oder Stadtfesten verändern sich die Fahrgastzahlen spürbar. Die retrospektiven Daten ermöglichen es Verkehrsunternehmen, Kapazitäten für wiederkehrende Großveranstaltungen künftig gezielter zu planen.
Parallel werten ZRL, NVH und der Zweckverband Mobilität Münsterland (ZVM) anonymisierte Mobilfunkdaten von Telefónica Germany aus – über mindestens vier Jahre hinweg, anonymisiert mit einem Verfahren, das gemeinsam mit dem Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit (BfDI) entwickelt wurde. Werden die Zähldaten mit anonymisierten Mobilfunkdaten kombiniert, lässt sich das gesamte Nachfragepotenzial einer Region abschätzen. Die Ergebnisse ordnet der ZRL in einer systematischen Bewertungsmatrix ein: Wie hoch ist das Verkehrsaufkommen in einem Korridor, wie gut ist der ÖPNV-Anteil bereits, wie konkurrenzfähig ist die Reisezeit gegenüber dem Auto? Daraus ergeben sich unterschiedliche Handlungsfelder – vom Bewahren gut funktionierender Verbindungen bis zur gezielten Angebotsverbesserung dort, wo hohes Potenzial bislang ungenutzt bleibt.
Konkret zeigte sich etwa: In ländlicheren Schnellbuskorridoren wie im Sauerland wären mit Angebotsverbesserungen kaum zusätzliche Fahrgäste zu gewinnen. Im städtisch geprägten Korridor Hamm–Lünen–Unna dagegen bestätigte die Analyse, dass die Schnellbuslinie S40 die Mobilitätsbedürfnisse der Bevölkerung bereits sehr genau trifft. Solche datengestützten Vergleiche helfen Aufgabenträgern, knappe Mittel gezielt einzusetzen.
Dass Echtzeit-Auslastungsinformation im Schienenverkehr bereits funktioniert, zeigt beispielhaft das Projekt Lightgate der Deutschen Bahn in Hamburg. Lichtschranken messen dort die Auslastung einzelner S-Bahn-Wagen, eine KI gleicht die Messwerte ab und zeigt sie am Bahnsteig farbig an: Grün für viel Platz, Gelb für mittlere und Rot für wenig Auslastung. Für den ZRL zeigt das Beispiel aus dem Schienenverkehr, wohin die Entwicklung im Busverkehr perspektivisch gehen kann, sobald ausreichend Fahrzeuge mit entsprechenden Sensoren ausgestattet sind.
Gestartet 2021 mit Förderung über das Mobility as a Service-Förderprogramm des NRW-Verkehrsministeriums, hat der ZRL schrittweise die nötigen Strukturen geschaffen. Ein zentraler Erfolgsfaktor: ZRL und NVH übernehmen die vollständige Finanzierung der Sensorik inklusive Einbau, Betriebskosten und SIM-Karten. Die angeschlossenen Verkehrsunternehmen brauchen keine eigenen Ressourcen für Beschaffung oder Betrieb. Der ZRL bietet ihnen ein umfassendes Dienstleistungsangebot für Datenauswertungen und -analysen.
Für Zweckverbände und Kommunen, die ein ähnliches Vorhaben planen, lassen sich daraus zentrale Stellschrauben ableiten:
Die Sensoren liefern ihre Daten schon heute in Echtzeit. Bis Fahrgäste die Auslastung ihrer konkreten Fahrt direkt angezeigt bekommen, braucht es allerdings noch Entwicklungsarbeit und vor allem eine höhere Ausstattungsquote. Deshalb haben ZRL, ZVM und der Zweckverband Westfalen-Süd (ZWS) gemeinsam eine neue Ausschreibung für bis zu 465 weitere Fahrzeuge gestartet. Langfristig sollen Fahrgastzählungsdaten, Mobilfunkdaten und weitere Quellen wie die „Mobilität in Deutschland“-Studie auf einer gemeinsamen Matching-Plattform zusammenfließen; voraussichtlich ab 2027. Die Plattform soll zugleich in die landesweiten Systeme für Fahrgastinformationen eingebunden werden.
Das AFZS-Projekt des ZRL zeigt, was möglich ist, wenn Digitalisierung im ÖPNV nicht als Einzelprojekt gedacht wird, sondern als gemensame Infrastruktur. Von der reinen Fahrgastzählung über die Kombination mit Mobilfunkdaten bis zur geplanten Matching-Plattform entsteht in Westfalen schrittweise ein Datenmodell, das Verkehrsplanung auf eine neue Grundlage stellt: weg von Annahmen, hin zu belastbaren Erkenntnissen darüber, wie Menschen tatsächlich unterwegs sind.
Wenn eine zentrale Stelle sich um Technik, Vergabe und Koordination kümmert, können sich auch kleinere Verkehrsunternehmen an die Digitalisierung anschließen, ohne überfordert zu werden. Das ist grundsätzlich auf jede Region übertragbar.
Geschäftsführer Zweckverband Mobilität Ruhr-Lippe (ZRL)

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