
10. September 2024
Rund 6.000 Schienenkilometer verbinden die Menschen in Nordrhein-Westfalen, machen den Weg zur Arbeit, Schule oder in der Freizeit möglich und versorgen die Wirtschaft mit wichtigen Gütern. Doch es gibt noch Luft nach oben: Um eine klimafreundliche Mobilität für alle zu ermöglichen, gilt es, die Infrastruktur zu stärken und das Bahnnetz weiter auszubauen. Wie das gelingen kann? Unter anderem mit der Reaktivierung stillgelegter Strecken.
In NRWs nicht befahrenen Bahnstrecken schlummert viel Potenzial: Während von 1994 bis 2023 etwa 600 Kilometer stillgelegt wurden, fand hingegen in demselben Zeitraum eine Reaktivierung von 223 Kilometern statt. Weitere 200 Kilometer sollen zeitnah folgen und so die Mobilitätswende vorantreiben, indem vor allem in ländlichen Regionen mehr Menschen der Zugang zum Bahnnetz ermöglicht wird. Geplant sind in NRW u. a. die Verbindungen Kamp-Lintfort – Moers, Harsewinkel – Verl und Münster – Sendenhorst.
Ist jeder stillgelegte Abschnitt gleichermaßen für eine Reaktivierung geeignet? Was muss bei der Planung berücksichtigt werden? Die wichtigsten Schlüsselfaktoren auf einen Blick:
Bis der erste Zug auf den reaktivierten Schienen rollen kann, braucht es einige wichtige Schritte. Zunächst übernimmt der jeweilige ÖPNV-Aufgabenträger die Prüfung der angedachten Strecke, das Erstellen des Betriebskonzepts und die Durchführung der Machbarkeitsstudie. Im Anschluss folgt die weitere Planung durch den Infrastrukturbetreiber, welche beispielsweise die Grundlagenermittlung und die Genehmigungsplanung beinhaltet. Erst nach der positiven Bürgerbeteiligung kann die Bezirksregierung die Baugenehmigung erteilen und der Infrastrukturbetreiber mit der Umsetzung beginnen. Die Umsetzung können Land und Bund fördern. Wenn der volkswirtschaftliche Nutzen nachgewiesen wurde, kann das Projekt über das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz mit hohen Fördersätzen gefördert werden. Der finale Schritt ist die Inbetriebnahme durch die Verkehrsunternehmen.
Durch Reaktivierungen von Strecken wird mehr Menschen in NRW die Möglichkeit gegeben, auf das Auto zu verzichten und stattdessen den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) zu nutzen. Dies entlastet die Straßen und trägt so zur klimafreundlichen Mobilität bei. Zwei Beispiele für erfolgreiche Reaktivierungen:
„Hertener Bahn“
Die Linie S 9 der S-Bahn Rhein-Ruhr ist 2020 um einen Abschnitt gewachsen: Die Teilreaktivierung der sogenannten „Hertener Bahn“ verbindet die Stadt Herten direkt mit dem weiteren SPNV-Angebot und den Metropolen des Ruhrgebiets. Fahrgäste können je nach Haltestation in einem komfortablen Takt von 30 oder 60 Minuten und ohne umzusteigen u. a. nach Recklinghausen, Essen, Hagen und Haltern am See gelangen. 2024 sollen außerdem der Ausbau in Gelsenkirchen-Buer Nord und der Neubau in Herten-Westerholt in Betrieb genommen und an die Strecke angeschlossen werden.
„Bördebahn“
Seit 2019 sind zwischen Euskirchen und Düren wieder täglich Züge der „Bördebahn“ unterwegs. Im Rahmen der Reaktivierung der rund 30 Kilometer langen Strecke wurden u. a. Bahnsteige erneuert, Straßenkreuzungen gesichert und Gleise ertüchtigt. Weitere Maßnahmen entlang der Strecke standen nach der offiziellen Wiederaufnahme des Verkehrs an: In den vergangenen Jahren wurde zum Beispiel der Haltepunkt Vettweiß modernisiert und barrierefrei ausgebaut, außerdem konnte durch die Reaktivierung eines Gleises am Euskirchener Bahnhof ein Stundentakt realisiert werden.
Als Teil des landesweiten Zielnetzes 2032/2040 wird momentan die Reaktivierung der Strecke zwischen Münster und Sendenhorst umgesetzt. Seit 1975 werden ausschließlich Güter auf der Bahnstrecke Münster – Sendenhorst befördert. Dies soll sich ab August 2026 ändern: Zukünftig können Fahrgäste schnell, komfortabel und staufrei die reaktivierte Strecke nutzen. Mit acht Haltepunkten und pro Werktag mit voraussichtlich über 10.000 Pendelnden wird die Wiederaufnahme der Strecke die Nutzenden des SPNV und auch die Autofahrenden entlasten. Darüber hinaus wird die Strecke ausschließlich mit BEMU-Fahrzeugen („battery-electric multiple unit“) befahren werden. Bei diesen handelt es sich um Elektrotriebzüge, die zusätzlich mit einem leistungsfähigen Akku ausgestattet sind und somit auch rein elektrisch dort fahren, wo die Strecke nicht elektrifiziert ist. Das Ergebnis ist eine ruhige, emissionsarme Fahrt ohne Dieselgeruch. Die Streckenreaktivierung Münster – Sendenhorst wird ein wichtiger Schritt in Richtung Mobilität im Münsterland und in NRW sein.

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