Zu sehen ist ein roter fahrradstreifen und auf dem ein Fahrrad fährt.
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Wie Sevilla die Radinfrastruktur optimiert hat

13. Mai 2026

Sevilla baute in weniger als zehn Jahren ein zusammenhängendes Radwegenetz auf und steigerte den Radverkehrsanteil um das Elffache. Was lässt sich aus dem Vorgehen für den Radverkehr in Nordrhein-Westfalen ableiten – einem Land, das bereits über eine umfangreiche Radinfrastruktur verfügt?

Noch Anfang der 2000er-Jahre war das Fahrrad in Sevilla so gut wie unsichtbar. Der Radverkehrsanteil lag bei gerade einmal 0,5 Prozent. Es gab zwölf Kilometer unverbundene Radwege, die kaum genutzt wurden. Knapp zehn Jahre später hatte die südspanische Metropole ein zusammenhängendes Radwegenetz aufgebaut und den Anteil des Radverkehrs um das Elffache gesteigert. Wie konnte das gelingen? 

Wie Sevilla den Radverkehr zur Chefsache machte

Sevilla, Hauptstadt der Region Andalusien, zählt knapp 700.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Zusammen mit dem Umland kommt die Metropolregion auf über 1,5 Millionen Menschen. Die Stadt ist flach, geprägt von einer historischen Altstadt mit engen Gassen. Vor dem Ausbau der Radinfrastruktur dominierten motorisierter Individualverkehr und Pendelströme aus dem Umland das Straßenbild. 

2003 bildete sich in Sevilla eine neue Regierungskoalition, die den Radverkehr zur politischen Priorität erklärte. Zentraler Bestandteil der Koalitionsvereinbarung war ein Fahrrad-Masterplan, der bis zum Ende der Legislaturperiode 2007 umgesetzt werden sollte. Die politische Führung übernahm die direkte Verantwortung innerhalb der Verwaltung für Stadtentwicklung. Das Vorgehen war bewusst ambitioniert: Ein vollständiges Basisnetz sollte innerhalb einer einzigen Amtszeit realisiert werden. Denn Erfahrungen aus Sevilla und den Nachbarstädten hatten gezeigt, dass vereinzelte, nicht miteinander verbundene Radwege kaum genutzt werden. 

Der Ausbau in drei Phasen

Das Radwegenetz entstand in drei aufeinander aufbauenden Phasen. Von null Kilometern vernetzter Radinfrastruktur wuchs das zusammenhängende Netz innerhalb von vier Jahren auf heute 175 Kilometer. Für das Projekt stand ein Gesamtbudget von 32 Millionen Euro aus dem Stadthaushalt sowie aus nationalen Förderfonds zur Verfügung.

Diese Gestaltungsprinzipien prägen das Netz bis heute: Die bauliche Trennung, der grüne Belag und die einheitliche Beschilderung sind nach wie vor die erkennbaren Merkmale der Radinfrastruktur von Sevilla. 

Zu sehen ist ein Fahrradweg mitten in der Stadt von Sevilla. Daneben verläuft ein Fluss.
Klar erkennbar am grünen Belag: Radwege in Sevilla.

Verwaltung und Beteiligung als Erfolgsfaktoren

Für die Steuerung richtete die Stadt ein eigenes Fahrradbüro mit 18 Beschäftigten ein, das direkt der politischen Leitung unterstellt war. Das Büro parallelisierte die Prozesse: Während das Basisnetz gebaut wurde, liefen die Arbeiten am Masterplan weiter. Planung und Bau wurden an externe Dienstleister vergeben, aufgeteilt in acht Projekte, die gleichzeitig bearbeitet wurden. 

Die Bevölkerung war von Beginn an eingebunden. Über einen Bürgerhaushalt konnten Bewohnerinnen und Bewohner über Projektvorschläge abstimmen – das Radnetz gehörte zu den meistvotierten. Eine Umfrage 2006 bestätigte: Mehr als 90 Prozent hielten das Radverkehrsnetz für notwendig. Ein Fahrradforum diente während des gesamten Prozesses als Austauschplattform zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft. 

Wirkung: Vom Freizeit- zum Alltagsverkehrsmittel

Der Radverkehrsanteil stieg von 0,5 auf rund 6 Prozent. Die meisten Radfahrten sind heute Wege zur Arbeit oder zur Schule. Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten wurde  das Fahrrad zum Alltagsverkehrsmittel. Besonders bemerkenswert: Der Frauenanteil unter den Radfahrenden stieg von 13 auf 36 Prozent. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass eine von Autospuren abgetrennte, durchgängige Infrastruktur auch Menschen vom Radfahren überzeugt, die sich auf ungeschützten Straßen nicht sicher fühlen. 

Die Lage in Nordrhein-Westfalen: Viel erreicht, Potenzial vorhanden

Das Beispiel Sevilla lenkt den Blick auf die Frage, wo Nordrhein-Westfalen beim Radverkehr steht und was sich weiter optimieren lässt. Hintergründe liefert die Studie Mobilität in Deutschland 2023

Was das für NRW konkret bedeutet: Das Land verfügt bereits über ein umfangreiches Radwegenetz an Bundes-, Landes- und Kreisstraßen. Die Herausforderung liegt weniger im Ausbau einzelner Strecken als in der Frage, ob diese Radwege ein zusammenhängendes, intuitiv nutzbares Netz bilden – und ob ihre Qualität den Anforderungen unterschiedlicher Nutzergruppen entspricht. Sevilla zeigt, dass gerade die durchgängige bauliche Trennung vom Kfz-Verkehr ein zentraler Faktor für die Akzeptanz und Nutzung durch breitere Bevölkerungsgruppen ist.

Was lässt sich aus dem Beispiel Sevilla ableiten?

Sevilla war vor dem Aufbau seines Radnetzes keine Fahrradstadt, weder kulturell noch infrastrukturell. Gerade deshalb ist das Beispiel für Kommunen in NRW aufschlussreich, die nach einem praktikablen Weg suchen, Radverkehr schnell und wirksam zu fördern. Nordrhein-Westfalen hat mit seiner bestehenden Infrastruktur, seinen verdichteten Siedlungsräumen und der breiten Aufmerksamkeit für das Thema Mobilität gute Voraussetzungen, den nächsten Schritt zu gehen, etwa bei der Weiterentwicklung gemeinsamer Geh- und Radwege zu eigenständigen, baulich getrennten Führungen oder bei der Vernetzung bestehender kommunaler Radnetze zu überörtlichen Verbindungen. Das Beispiel Sevilla verdeutlicht mehrere Zusammenhänge, die auch für die Weiterentwicklung des Radverkehrs in NRW relevant sind:

Zusammenhängende Netze wirken. 

Einzelne, unverbundene Radwege werden kaum genutzt. Erst ein durchgängiges, lückenloses Netz erzeugt die Nutzung, die das Angebot rechtfertigt. NRW verfügt bereits über eine vergleichsweise große Radwege-Kilometerzahl – die Herausforderung liegt darin, diese zu einem erlebbaren Netz zu verbinden.

Hier hat das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr NRW zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW (AGFS) den Kommunen eine Leitfaden mit Sofortmaßnahmen herausgegeben, der pragmatische, bereits umgesetzte und rechtlich sichere Maßnahmen aufzeigt, um gerade Netzlücken zu schließen.

Geschützte Infrastruktur erschließt neue Zielgruppen. 

In Sevilla verdreifachte sich der Frauenanteil unter den Radfahrenden, nachdem das geschützte Netz stand. Baulich getrennte Radwege senken die Einstiegshürden, auch für Ältere, Kinder und weniger geübte Radfahrende. Die wachsende Verbreitung von Pedelecs in NRW bietet hier eine zusätzliche Chance: Wenn die Infrastruktur stimmt, können elektrisch unterstützte Räder auch im Berufsverkehr und auf längeren Strecken eine echte Alternative werden.

Kommunen als Umsetzungsebene brauchen Kapazitäten. 

In Sevilla war ein eigenes Fahrradbüro mit 18 Beschäftigten zentral für die Steuerung und Parallelisierung der Prozesse verantwortlich. Auch in NRW liegt die Umsetzung von Radverkehrsmaßnahmen überwiegend bei den Kommunen. Initiativen wie die Arbeitsgemeinschaft fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte, Gemeinden und Kreise in NRW (AGFS) mit ihrer über 30 Jahre langen Erfahrung und Ihren mittlerweile über 120 zertifizierten Mitgliedern, oder kommunale Radverkehrsbeauftragte zeigen, dass Fachwissen und Vernetzung auf lokaler Ebene entscheidend sind, um aus Planungen funktionierende Netze zu machen.

Mit der ersten landesseitig geförderten Fahrradprofessur an der Hochschule Bochum geht NRW gezielt gegen den Planermangel im Radverkehr an.

Bürgerbeteiligung kann die Akzeptanz von Infrastrukturmaßnahmen erhöhen. 

In Sevilla gehörte das Radnetz zu den meistvotierten Projekten im Bürgerhaushalt – über 90 Prozent der Befragten hielten es für notwendig. Auch in NRW gibt es erfolgreiche Beteiligungsformate auf kommunaler Ebene, etwa bei der Planung von Radschnellwegen oder Fahrradstraßen. Wenn Bürgerinnen und Bürger den Bedarf selbst formulieren und Entwürfe mitgestalten können, steigt die Bereitschaft, auch unbequemere Umverteilungen im Straßenraum, etwa den Wegfall von Parkplätzen, mitzutragen.

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Eine gelungene Kommunikation ist eng mit dem Ausbau von Infrastruktur verknüpft. Wie Akzeptanz für neue Mobilitätslösungen entsteht, lesen Sie in unseren mobiliBLOG-Beiträgen zur Akzeptanzkommunikation: Neue Mobilitätslösungen erfolgreich kommunizieren und Vier Stellschrauben für Akzeptanz von Mobilitätslösungen.

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